Im Rahmen des Politik- und Geschichtskurses der Klasse 12 des Wirtschaftsgymnasiums fand eine Begegnung zwischen den Schülerinnen und Schülern mit der Zeitzeugin Tamar Dreifuss statt, die über ihre Erlebnisse als jüdisches Kind in Polen und Litauen berichtete.
Nachdem Litauen 1940 unter sowjetische Herrschaft gestellt und Wilna von russischen Truppen besetzt worden war, wurde das damals zweijährige Mädchen mit ihren Eltern Jetta und Jascha Schapiro nach Ponary etwa 10 km südlich von Wilna vertrieben. Im Juni 1941, unmittelbar nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, begannen dort Mordaktionen, denen Tausende von Jüdinnen und Juden zum Opfer fielen. Gemeinsam mit ihren Eltern erlebte das Kind den schweren Alltag des Ghettos. Dessen Auflösung im September bedeutete die gewaltsame Trennung: Der Vater wurde verschleppt, die Mutter und die Tochter wurden in Viehwaggons unter unmenschlichen Bedingungen in Richtung Riga deportiert. Mutter und Tochter gelang es zu fliehen und sie lebten immer mit der ständigen Angst, entdeckt zu werden.
In ihrem eindrucksvollen Vortrag beschreibt die heute zweiundsiebzigjährige Frau Dreifuss, die in Pulheim bei Köln lebt, die Erlebnisse, die ihre Mutter aufgezeichnet hat und die 2001 erstmals in deutscher Sprache in dem Buch „Sag niemals, das ist dein letzter Weg" veröffentlicht worden sind. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, jungen Leuten aus diesem Buch vorzulesen und an sie zu appellieren, ein wachsames Auge gegen jede Form von Ausgrenzung und Stigmatisierung zu haben. Auf die Frage einer Schülerin, ob sie die Schrecken ihrer Kindheit jemals zur Ruhe kommen lassen würden, ob sie nicht mit den Erinnerungen einschlafe und aufwache, antworte Frau Dreifuss, dass die Begegnung mir der jungen Generation für sie eine Art Therapie sei.
Auch wenn viele Ereignisse des Nazideutschlands durch die Schüler während des vergangenen Schulhalbjahres erarbeitet wurden und ihnen theoretisch bekannt waren, trug die Lesung einer direkt Betroffenen dazu bei, sich die Schrecken noch einmal deutlich vor Augen zu führen und bewusst zu werden. „Es war berührend und erschreckend zugleich, die Lebensgeschichte einer Überlebenden vom Angesicht zu Angesicht erzählt zu bekommen. Dies war etwas Anderes, als darüber in Geschichtsbüchern zu lesen.", so eine Schülerin des Kurses. Auf die Frage, wie sie ihr Leben in Deutschland ohne Groll leben könne, antwortet Frau Dreifuss, dass sie hier viele Freunde jüdischen oder anderen Glaubens gefunden habe und in ihrem jetzigen Leben ihren Frieden gefunden habe.
Die Veranstaltung, die von Politiklehrer Frank Schniske organisiert wurde, wurde durch eine Ausstellung von Schülerarbeiten zum Thema Nationalsozialismus und durch Schülerreferate abgerundet. Renate Schian und Mareike Paul referierten über die Reichspogromnacht in Aachen, Pinar Ömeroglu und Cornelia Schmitz erläuterten die Widerstandsbewegungen im Herzogenrather Raum. Besonders beeindruckend war der Vortrag von Mara Kammer sowie Mandy Göbbels zum Thema „Stolpersteine", die in der Kleikstraße in Herzogenrath an die jüdische Familie Rubens, die durch die Nationalsozialisten umgekommen ist, erinnern sollen. Die Schülerinnen machten sehr anschaulich die Bedeutung dieser Erinnerungssteine auch für die nachfolgenden Generationen deutlich. Frau Dreifuss konnte sich diesem Gedanken nur anschließen, denn diese „Stolpersteine" wären vergleichbar mit Grabstätten, die den Verstorbenen die letzte Ruhe geben und für die Hinterbliebenen eine Möglichkeit der Begegnung darstellen würden.
Der Vormittag wurde durch einen Vortrag von Herrn Professor König vom Institut für politische Wissenschaften der RWTH Aachen beendet. Herr Prof. König stellte den jungen Leuten dar, wie unterschiedlich die Deutschen der verschiedenen Generationen mit diesem dunklen Kapitel deutscher Vergangenheit umgegangen seien und heute noch umgehen würden. Hierbei erläuterte Herr Prof. König besonders den wissenschaftlichen Begriff der Erinnerungsorte sowie deren Bedeutung für die heutige Erinnerungskultur.
Die Verbindung des im Unterricht theoretisch Erarbeiteten und die Verdeutlichung durch persönlich Betroffene sowie der wissenschaftliche Ansatz der Vergangenheitsbewältigung rundete das Schwerpunktthema des jetzt abgeschlossenen Kurses gut ab.