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02.03.2017

Berlin im Clownskostüm

Die Unterstufe der Industriekaufleute des Berufskollegs Herzogenrath besucht im Rahmen ihrer Zusatzqualifizierung zum „Europakaufmann /-kauffrau“ Berlin


Aus einer prunkvollen Kaiserstadt in ein Wirrwarr der Gefühle und Eindrücke. Da standen wir nun, im Zentrum der bekanntesten Stadt Deutschlands, die am Anreisetag viel lauter, bunter und lebendiger wirkte als an den Tagen darauf. In der Masse untergehend, suchten wir unser Hotel auf, welches durch stilvolles Design zelebrierte. Das Farbkonzept erstreckte sich über die Zierkissen, bis hin zu den herzförmigen Bonbons am Empfang, in einem kraftvollen Türkis. Riesige, akkurat angebrachte Deckenlampen, dessen Zweck nicht ersteres dem erhellen des Raumes, sondern vielmehr der hübschen Erscheinung dienten, machten die Lobby aus.

 

Die erste selbständige Erkundung Berlins konnte nun also beginnen. In Gruppen aufgeteilt, mit der Sonne im Rücken, steuerten wir die üblichen Touristenattraktionen an. Souvenirshops mit Teilen der Mauer in allen Formen und Farben, Straßenkünstler in Clownskostümen, ein Nivea-Haus mit unwahrscheinlich gut duftender Kosmetik, an uns vorbeifahrende Rikschas und Reisebusse für Gehfaule, Donut Läden, Bäckereien und Cafés nach jedem gelaufenen Meter, ein Wachsfiguren Museum für Fotos mit Stars und Sternchen und in mitten dessen das Holocaust Mahnmal, das Denkmal der ermordeten Juden Europas - unser erstes gemeinsames Ziel.

 

Weil wir wussten, um welches unnachahmliche Denkmal es sich handelt, war unsere Stimmung gedämpft, nachdenklich, fast schon pathetisch verhalten. Während uns eine reizende junge Französin mit gebrochenem Deutsch imaginär durch das Gemäuer führte und damit den kalten, linear angeordneten Steinen ein Gesicht gab, verflüchtigte sich jener Fun-Faktor den man Berlin zusprach. Das im Untergrund liegende Museum ließ den Blick klarer werden. Hier starben keine fiktiven Erzählungen, keine gehaltlosen Zeilen und keine immateriellen Bücher, hier starben wahrhaftige Menschen, in deren Augen man nun blickte. Nach einer intensiven Austauschrunde über unsere Erkenntnisse, stellten wir gemeinsam fest, dass solch eine verquere Welt nicht die ist, in der wir heute leben wollen und wir selbst die Zügel unserer Zukunft fest in der Hand halten.

 

Voller Tatendrang, bekamen wir am darauffolgenden Tag die Möglichkeit zusammen mit unserer Partnerschule in Magdeburg, an einer Diskussion mit den CDU-Abgeordneten Helmut Brandt (Wahlkreis Aachen) und Tino Sorge (Wahlkreis Magdeburg) teilzunehmen. Es wurden Themen zur Bildung, etwa die bedürftige Berufsberatung von Schulabgängern oder die mögliche Wiedereinführung der Studiengebühren, debattiert. Aber auch unverfrorene Themen, wie die klare Gegenstimme der CDU zur Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare, welche zu konträrem Meinungsaustausch führte, kamen von uns zur Ansprache. Nach eindeutigen Divergenzen, aber überaus dankbar darüber, eine derart hitzige Diskussion geführt zu haben, verließen wir den Fraktionssaal der CDU und liefen geradewegs unserem Justizminister Heiko Maas in die Arme, der sich gerne mit uns fotografieren ließ.

 

Nach einem aufschlussreichen Tag ließen wir gemeinsam in gemütlicher Atmosphäre den Abend im Restaurant ausklingen und mutmaßten den letzten Tag unserer Reise als den emotionalsten, der insgesamt drei Tage. Wir behielten Recht!

 

Nur im Ansatz ahnend, was uns im KZ-Sachsenhausen erwarten würde, passte sich das Wetter den Umständen an. Die lange Straße mit ihren verblassten, dem Idyll den Rücken  kehrenden Häusern, wirkte unheimlich neben dem KZ.
Im KZ selbst nahm man jedes menschliche Verhalten als unsittlich wahr, weshalb man sich leise und unauffällig der Stimmung anpasste. Einige der alten Barracken blieben noch erhalten, in diesen waren Originalschriftstücke ausgelegt, Bilder und Gedenktafeln zu ehren der Gequälten. In einer der Barracken konnte man mitfühlen, unter welchen Bedingungen die Gefangenen dort festgehalten wurden. Tonaufnahmen, gemalte Skizzen und Kleidungstücke wurden ausgestellt. Andere erschreckende Teile des KZs waren die Pathologie, der Erschießungsgraben und das Krematorium. Sprachlos ließen wir die Eindrücke auf uns wirken. Kein Wort fühlte sich unserem Entsetzen ebenbürtig an.


Berlin sah im restlichen Verlauf des Nachmittags glanzlos aus, jede Straße, jedes Gebäude versetzte man in die Zeit des Geschehens zurück. Die bunte Künstlerstadt Berlin, die durch Schönheit lockte, um ihren unübersehbaren Schmerz zu erzählen, schickte uns mit einer berührenden Lehre zurück auf die Heimreise.

 

Am späten Nachmittag hatten wir noch einmal die Gelegenheit Berlin und seine Sehenswürdigkeiten zu erkunden, bis es dann am Abend zum Flughafen ging, an dem wir zum krönenden Abschluss einer überaus gelungenen Fahrt, den Verein FC Bayern München sichteten.

 

Dilan Saltik